>>> volk? wohl? bund?

Fünf Jahre nachdem die Hausgemeinschaft der Chemnitzer Straße 10 dem Abriss gemeinsam mit den Nachbarn die rote Karte gezeigt hat, ist es nun soweit: Der Abriss hat am 15.5.2013 begonnen. Der Westen zitiert die Versicherung wie folgt: „Unsere Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter erwarten, dass unsere Investitionen auch ökonomisch Sinn machen. Darum haben wir uns nach sorgfältiger Abwägung aller Möglichkeiten für den Abriss des Hauses entschieden”. Damals sollte das Haus als Zufahrt zur Großbaustelle des Neubaus des Volks’wohl’bunds dienen. Den Mietern wurde rechtlos unhaltbar gekündigt.

Da man sich im Viertel recht schnell einig war, dass in einer engen Spiel- und Einbahnstraße die Abwicklung des Bauverkehrs unsinnig ist, und die Baustellenlogistik über den Wall zu erfolgen hat, hat man sich gemeinsam mit dem Mieterverein Dortmund in einem engagierten Kampf gegen den Abriss gestellt. Insbesondere auch, um die gewachsene Bewohnerstruktur mit fantastischer Hausgemeinschaft in einem der letzten altehrwürdigen Backsteinhäuser im Viertel nicht zu verlieren. So konnte das denkmalwürdige Haus mit der angestammten Mieterschaft noch ein paar Jahre gehalten werden.

Ob Dortmund, Duisburg, Detroit oder Shanghai… das Motiv der Aufwertung von Innenstadtlagen erklärt der amerikanische Geograph, David Harvey, im Spiegel Interview wie folgt: „Urbanisierung ist ein Kanal, durch den überschüssiges Kapital fließt, um die Städte für die Oberschicht neu zu bauen. Ein machtvoller Prozess, der neu definiert, worum es in Städten geht, wer dort leben darf und wer nicht. Er definiert die Lebensqualität in Städten nach den Maßgaben des Kapitals, nicht nach denen der Menschen“.

Zug um Zug vergraulte der Vermieter Volks’wohl’bund alle Wohngemeinschaften durch einfache Tricks: keine Änderung des Hauptmieters, verlockende Umzugskostenbeteiligungen, keine Übernahme von Renovierungsleistungen, so dass das Haus seit 2 Jahren komplett leer stand. Die Folge: komplette WGs, die genauso lange dort lebten, mussten ausziehen. Gerüchte über eine Sanierung bzw. einen Umbau zur Kita beruhigten damals die ehemaligen Mieter und Nachbarn. Nun verbreiten sich unter den benachbarten Mietern anderer Gebäude des Volks’wohl’bunds jedoch Befürchtungen, dass noch weitere Gebäude abgerissen und bestehende Mieterstrukturen zerstört werden, um Platz für Neubauten im edlen Volks’wohl’bund-quartier zu schaffen.

Den Hintergrund des Konflikts definiert David Harvey als modernen Klassenkampf in Städten, wenn er sagt: „Die Arbeiterschaft ist heute Teil einer breiteren Klassenkonfiguration, in der es um den Kampf um die Stadt selbst geht. Ich ersetze das traditionelle Klassenkampf-Konzept durch den Kampf all derer, die urbanes Leben produzieren und reproduzieren“

Auf die Frage, ob das Recht auf Stadt durch Hausbesetzungen step-by-step durchzusetzen sei, verbleibt Harvey an dieser Stelle leider auf der Ebene der makro-ökonomischen Geo- und Machtpolitik und spricht vereinzelten Kämpfen der Menschen im Alltag eine größere Bedeutung ab. Ein „freiwilliger Machtverzicht“ in seinen Augen. Wer Harvey kennt, weiß jedoch, dass direkte Aktionen der Raumaneignung ihre Symbolkraft nicht verfehlen und das Recht auf Stadt nur im Alltag erkämpft werden kann. Oder anders gewendet: Was passiert, wenn nichts passiert? Abriss und Zynismus?

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2 Antworten auf „ >>> volk? wohl? bund?


  1. 1 Das Dortmunder Volkswohl | Ruhrbarone Pingback am 16. Mai 2013 um 22:11 Uhr
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