>>> Urbane Krisenintervention?

An das IfuK im besonderen und im allgemeinen an die VertreterInnen des kreativwirtschaftlichen Gedankenguts:

Mit zunehmender Besorgnis hat die Initiative für das Unabhängige Zentrum Dortmund in den letzten Wochen ihre Arbeit beobachtet. Nicht dass uns ihre Gedankengänge neu wären, aber durch ihre anstehende Zusammenarbeit mit dem Theater Dortmund sehen wir uns gefordert, auf ihre konkreten Ideen zu antworten und sie stellvertretend für das neokonservativ-liberale Leitbild zu nehmen.

Stadt ohne Geld – Projektclip from Stadt ohne Geld on Vimeo.

Direkter Anlass dieses Briefes bietet uns also der Artikel „Stadt ohne Geld – Neue Veranstaltungsreihe im Schauspiel Dortmund“ der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung. Die immer weiter reichende Reduzierung von Kunst und Kultur auf ihre wirtschaftliche Nützlichkeit ist eine Problematik, mit der wir uns in unserer Arbeit intensiv auseinandersetzen. Dazu haben wir allerdings, ganz im Gegensatz zu ihren Ideen, ein Konzept entwickelt, das sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, ohne diese als Ware zu denken. Die Kultur hat der Wirtschaft nichts zurückzugeben, so wie es das ifuk beschreibt – im Gegenteil: Der Waren- und Konkurrenzcharakter der Wirtschaft und die damit verbundene Entfremdung und Entsolidarisierung der Menschen ist ein Zwang an sich, der nur durch seine Machtstellung und Aggressivität weitere Forderungen stellen kann. Mit unserer Initiative wehren wir uns entschieden gegen ihre Vorstellungen und Aktivitäten einer in allen Bereichen durchgewirtschafteten Zwangsgemeinschaft

In unserer Initiative kommen Personen aus Musik-, Kunst-, Kultur- und Politszene zusammen, die ihr Recht auf Stadt einfordern. „Recht auf Stadt“ bedeutet vieles. Unsere Initiative will einen freien und unabhängigen Raum schaffen, in dem Menschen weit abseits der üblichen kapitalistischen Verwertungslogik ihre Kunst, Kultur und emanzipatorische Politik betreiben können. Wir sind der festen Überzeugung, dass gerade dies die Grundlage ist, die zu einer positiven Stadtentwicklung führen kann. Der freien/alternativen/soziokulturellen Szene in Dortmund, aber nicht nur hier, mangelt es an adäquatem Raum sich aktiv zu zeigen und ihre Stadt mitzugestalten. Wir verweigern uns der Auffassung Kunst sei, „wenn’s oben leuchtet und drinnen tapeziert ist“ (Bodo 09/10)

Sie geben sich der Illusion hin, Kreativität sei planbar und strategisch einsetzbar. Es scheint sie wollen die unnützen KünstlerInnen gezielt ansetzen auf die Lösung städtischer Probleme. „Das Theater geht in die Stadt, um die dortigen Probleme zu lösen.“: da dürfen dann die Kreativen, die ja eh keinen ökonomischen Zweck erfüllen und nichts leisten, herhalten um genau die Probleme auszubügeln, die die Politik nicht angeht und hervorgerufen hat. Da sollen dann Schauspieler genau die Integration herbeiführen, an der Politik seit Jahrzehnten scheitert. Auf ihr Beispiel zur türkischen und kurdischen Bevölkerung möchten wir an dieser Stelle gar nicht eingehen, weil es zeigt wie unzureichend sie sich mit den tatsächlichen Problemen dieser Stadt auseinandersetzen. Zu denken SchauspielerInnen, DramaturgInnen oder ChorsängerInnen seien mangels anderer Verwertungsmöglichkeiten angebrachte Instrumente zur Lösung tiefsitzender gesellschaftlicher Probleme – und das ohne eine entsprechende Ausbildung in sozialen und pädagogischen Arbeitsfeldern – spiegelt ihre oberflächliche und verkürzte Betrachtungsweise solcher Probleme wieder und zeigt, dass es Ihnen in allen gesellschaftlichen Bereichen ausschließlich um rentable Verwertung bereits vorhandener Ressourcen geht: günstig und rentabel soll es sein. Die tatsächliche Tragweite soziokultureller Probleme ist Ihnen nicht bewusst. Inhalte werden zweckentfremdet und zum Teil auch ad absurdum geführt – vom Schauspieler zum Sozialarbeiter. Wir sind mehr als irritiert davon, dass sie an der Kultur kritisieren, sie sei „unökonomisch“.

Wir setzen hier mit anderen Kriterien an. Für uns soll Kultur frei sein, unabhängig zudem und des Weiteren für alle Teile der Bevölkerung erschwinglich und damit zugänglich. Was meint Herr Feldkamp, wenn er sagt sie arbeiteten „für eine bessere Gesellschaft“? Wie soll das aussehen? Meinen sie nicht viel eher eine funktionale Gesellschaft, in der Profit und Wirtschaft sich als erklärtes Gesamtziel durchgesetzt haben? Was die neoliberalen Scheuklappen ihnen nehmen, ist die Sicht auf eine andere Form von „Wert“, den Kunst und Kultur besitzen. Während sie krampfhaft überlegen, wissen wir, daß eine Kultur des Zusammenlebens, die eine Gesellschaft auszeichnet, eben nicht auf ihrem monetären Nutzen beruht, sondern auf der Solidarität der Menschen, die ganz selbstverständlich einen Ausgleich zwischen die durch Politik und Wirtschaft geschlagenen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten schafft.

Mit ihrer Haltung, ihren Äußerungen und Bestrebungen drängen sie, weiter und direkter als in den letzten 20 Jahren ohnehin schon, grundlegend menschliche Wesenseigenschaften von Gemeinschaften in ihren aufgezwungen Legitimationsdiskurs einer Kosten-Nutzen-Kalkulation. In ihrer Gesellschaftsvorstellung individualisierter Egoisten haben gegenseitige Hilfe, gemeinschaftlicher Gebrauch lebenswichtiger Resourcen, garantierte Grundversorgung und gewachsene nachbarschaftliche Beziehungen keinen Platz. Das werden wir nicht hinnehmen und weiterhin gegen ihren Versuch arbeiten, Kultur und Gemeinschaft unter monetären Legitimationsdruck zu setzen. Eine Einordnung von Kultur in die Logik kapitaler Ökonomie zerstört grundsätzlich ihren Sinn. Ökonomie können wir nur als aus den Bedürfnissen der Menschen notwendig entstehende Versorgung akzeptieren. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen und Kultur sein wesentlicher Bestandteil! Dafür kämpfen wir!

Mit Grüßen der Umstände halber:
Die (nicht von ihnen gesponsorte) Initiative für das UZDO

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weitere Infos zum Thema: www.ifuk.org bzw. briegwitz.ifuk.org

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1 Antwort auf „>>> Urbane Krisenintervention?


  1. 1 Tomas Andersson 16. Oktober 2010 um 11:56 Uhr

    Diese Page ist absolut spitze, habe bisher noch nicht so etwas gefunden :-)

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